Inzuchtkoeffizient (IK) und Ahnenverlustkoeffizient (AVK)
16.07.2022 22:06

von Astrid Hübner

Was steckt dahinter und sollten diese Werte für jeden Züchter ein Begriff sein?

Ein „Koeffizient“ ist ein Wert oder Faktor, der eine Abhängigkeit angibt. Man kann zusammengefasst festhalten: der Inzuchtkoeffizient ist ein Wert, der über die Verwandtschaft der Eltern und damit über die Wahrscheinlichkeit, dass bei der Verpaarung beide Allele an einem Genort vom selben Vorfahren abstammen, Auskunft gibt. Er zeigt also immer den Grad der Inzucht eines Individuums an. Im Gegensatz zum Inzuchtkoeffizient wird beim Ahnenverlust nicht die tatsächliche Inzucht berechnet, sondern das Verhältnis der mehrfach vorkommenden Ahnen innerhalb der Ahnentafel. Hierdurch werden auch doppelte Ahnen berücksichtigt die nur auf der Vater- oder Mutterseite vorkommen.

Um den IK zu berechnen, wird folgende Formel, die 1922 von dem amerikanischen Genetiker Sewall Wright publiziert wurde, angewendet (WRIGHT, 1922):



Diese herkömmliche Berechnung des IK basiert auf der Ahnentafel eines Hundes. Im Idealfall ist der Stammbaum bis zur Gründung der Rasse vollständig. In der Realität gehen die meisten Ahnentafeln jedoch nur auf 5 bis 10 Generationen zurück. Die meisten IK-Rechner gehen davon aus, dass die ursprünglichen Vorfahren im Stammbaum keine Beziehung zueinander haben. Daher kann ein Ahnentafel-IK auf 5 Generationen berechnet viel niedriger sein als der IK, der auf 10 Generationen berechnet wurde. Und dieser ist wahrscheinlich viel niedriger als der wahre IK, wenn der vollständige Stammbaum bis zu den Rassengründer bekannt ist. Aus diesem Grund gibt es keine Antwort darauf, was ein „guter“ IK ist. Es hängt alles davon ab, wie vollständig die Ahnentafel ist.
Die sogenannte Inzestzucht ist verboten. Das Verpaaren von Vollgeschwister, Eltern mit ihren Nachkommen oder Halbgeschwister stellt in Deutschland einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar.
Der Koeffizient der Inzucht (IK) ist die statistische Gleichung, wie ähnlich auf einer genetischen Ebene, die von einer bestimmten Verpaarung erzeugten Welpen sein werden. Dies wird als Prozentzahl angegeben.
Diese Zahl tritt zusätzlich zu den natürlichen Gleichheitsniveaus auf, die bei Hunden der gleichen Rasse ohnehin vorhanden sind.

Unter der Voraussetzung, dass die Vorfahren selbst nicht verwandt sind, ergeben sich bei verschiedenen Inzuchtszenarien folgende Inzuchtkoeffizienten:



Zum Schutz der Rassegesundheit wird von Wissenschaftlern empfohlen einen Inzuchtkoeffizienten von 6,25 % für die Welpen aus einer angestrebten Verpaarung nicht zu überschreiten.

Die Formel für den AVK lautet:

(Unterschiedliche Ahnen / maximale Ahnen) x 100

Eine 4 Generationen Ahnentafel kann maximal 30 unterschiedliche Ahnen enthalten. Kommt jeder Ahne nur 1 mal vor, so beträgt der AVK 100% – es herrscht also kein Ahnenverlust.

Kommt ein Ahne 3 mal in einem Pedigree vor, so handelt es sich um 28 unterschiedliche Ahnen, der AVK beträgt dann (28/30) x 100 = 93,34%. Möchte man den Wert für den Ahnenverlust berechnen, so ist von 100 der AVK abzuziehen. Im Beispiel also 100-93,34 = 6,66% Ahnenverlust.

Die Höhe des AVK lässt keinen Rückschluss auf den Inzuchtkoeffizienten zu, wie oftmals fälschlicherweise angenommen wird.

Im Gegensatz zum Inzuchtkoeffizienten berücksichtigt der Ahnenverlustkoeffizient nicht, wie eng Vater- und Muttertier miteinander verwandt sind. Bei ingezüchteten, aber nicht eng miteinander verwandten Elterntieren kann dies dazu führen, dass der Nachwuchs einen hohen Ahnenverlust-, aber gleichzeitig einen niedrigen Inzuchtkoeffizienten aufweist.

Da der Grad der Inzuchtdepression sich nach dem Homozygotie-Grad richtet, welcher wiederum durch den Inzuchtkoeffizienten gemessen wird, ist in solchen Fällen dem Inzuchtkoeffizienten mehr Bedeutung beizumessen als dem Ahnenverlust. Der Ahnenverlustkoeffizient liefert also bestenfalls einen Schätzwert. Er gibt aber Rückmeldung über die genetische Varianz oder Diversität, die ein Nachkomme von seinen Eltern erben kann. Es gibt Rassen, da ist sehr wenig bis keine Diversität bei den DLA-Genen vorhanden, was Autoimmunerkrankungen begünstigen kann.
Die stetige Inzucht wird uns also immer mehr von der Molekulargenetik abhänig machen.

Einen neuen Zugang zum Thema Ahnenverlust bilden genetische Untersuchungen, die seit etwa 1990 unter den Themen mitochondriale Eva und Adam des Y-Chromosoms erarbeitet wurden.
Mehr dazu in unserem Beitrag Maternale und Paternale Haplotypen

Schauen wir uns das Ganze jetzt mal in der Praxis anhand der Ahnentafel von einem Rüden an.
Auf 5 Generationen berechnet, kommt der Rüde auf einen Inzuchtskoeffizient von 18.95% und auf einen Ahnenverlustkoeffizient von 53.23%.
Was im Inzuchtskoeffizient nicht mit einberechnet wird ist, dass seine Mutter bereits einen IK von 21,09 hat und seine Großmutter einen IK von 25%.



Der Rüde ist einmal eine Inzucht von 2-3 auf Saskia

Und eine 3-3,3 Inzucht auf Oscar

2-3 Inzucht = 6,25% plus 2x 3-3 Inzucht = 6,26% ergibt für diesen Rüden auf 3 Generationen einen IK von 12,5%
Bei 4 Generationen steigt er dann auf 14,84% und bei 5 Generationen auf 18,95%



Um den Ahnenverlust zu verdeutlichen habe ich alle doppelten Ahnen durchgestrichen.
Auf 5 Generationen hätte der Rüde 62 mögliche Ahnen, die zu seiner genetischen Vielfalt hätten beitragen können. Verblieben sind ihm 35 – also knapp über die Hälfte und ergibt deshalb einen AVK von 53,23%

Zum Vergleich eine ungeplante Inzestverpaarung (Vater/Tochter), die dagegen einen AVK von 74,19% hat.



Zitat
Durch Inzucht kommt es zu einer vermehrten Dopplung von Genen, d.h. die genetische Varianz der betroffenen Tiere ist geringer als möglich bzw. geringer als die durchschnittliche Varianz der Rassepopulation. Es ist festzuhalten, dass “durch Inzucht direkt keine Erbkrankheiten entstehen, sondern erst durch die inzuchtbedingte Anhäufung von vorwiegend rezessiven Defektgenen im Genpool. Die Defektgene als solche sind das Ergebnis von Mutationen, die bei allen Individuen erfolgen.”

(Krautwurst, 2002, S. 136)



Jeder Hund, ob gesund oder erkrankt, trägt rezessive Defektgene in sich. Kritisch wird es, wenn der gleiche rezessive Defekt mehrfach in der Ahnenfolge vorkommt, da hier die Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlich hoch ist, dass der rezessive Defekt in Form von Krankheit deutlich wird.

Fun facts: Daenerys Targaryen, die Drachenlady aus GoT, hätte einen Inzuchtkoeffizient von 37,5 % und die „Habsburger Lippe“ soll eine Folge derer zahlreichen Verwandtenehen sein. Karl II. (Spanien) soll einen IK von 25,4% gehabt haben. Er zeigte deutliche Anzeichen von Degeneration und konnte keinen Erben zeugen.

Für einen Überblick, wie es in der Population des Malinois aussieht, hier ein paar Statistiken













Quellen:
https://www.wiki.zuchtmanagement.info/do...htkoeffizienten (abgerufen Jan. 2021)
https://www.wiki.zuchtmanagement.info/do...lustkoeffizient (abgerufen Jan. 2021)
working-dog.eu (abgerufen Jan. 2021)
https://de.wikipedia.org/wiki/Ahnenverlust (abgerufen Jan. 2021)

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